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Im Englischen Garten erwacht jetzt der Sommer

Der Biergarten am Chinesischen Turm ist gerüstet für den Ansturm

Offenes Grün, fröhliche gestimmte Spaziergänger und freie Fahrt für Radler. Wo findet man noch so ein Paradies? Die Münchner wissen, wo – und führen ihre Gäste mit lokalpatriotischem Stolz schnurstracks in den Englischen Garten. Nirgendwo sonst in der Stadt lässt jetzt der Sommer so fröhlich sein blaues Band flattern, wie in Münchens Vorzeigepark. Gelbe Schlüsselblumen tupfen das frische Grün, unter dem weißen Blütenflor des Schwarzdorns blitzt lila und weiß der Lerchensporn. Und am Ende aller Wege grüßt als lockende Einkehr – der Chinesische Turm.

Über ziemlich genau hundert Brücken und Stege kannst Du (musst Du aber nicht) geh’n, bei Deiner Tour durch eine der größten innerstädtischen Parkanlagen der Welt. Der Englische Garten ist größer als der Central Park in New York und der Hyde Park in London. Er dehnt sich vom Odeonsplatz über den Hof- und Finanzgarten bis weit in den Norden der Stadt hinein. Und die schönsten Wege führen geradewegs zum Wahrzeichen des Parks, dem Chinesischen Turm.

Dieses Monument hat seinen doppelten Reiz. Zum einen als historisches Kuriosum. Als mehrfach gestaffelte exotische Pagode steht der Holzbau mit seinen goldenen Glöckchen unvermutet vor uns. Kurfürst Karl Theodor hat den fünfgeschossigen Turm in den Jahren 1789/90 im Zuge der damals florierenden Chinamode aus Balken und Schindeln zimmern lassen. Die Pläne stammten von dem Ingenieur-Leutnant Frey. Der wiederum hatte seine Inspiration von einem Vorbild in den königlichen Kew Gardens bei London.

Der zweite und nicht mindere Reiz des Baus besteht in der damals gleich mitgebauten “Chinesischen Wirtschaft” – heute im Nachbau von 1912 “Restaurant und Biergarten Chinesischer Turm” – kurz “Chinaturm”. Dort tafelt man heute vermutlich raffinierter als damals der Monarch mit seiner verwöhnten Hofgesellschaft. Schon die Tageskarte ist eine kulinarische Eröffnung. Sie führt vom Rindercarpaccio mit grünem Spargel über ofenfrischen Krustenschweinebraten mit Kümmeljus und Kartoffelknödel sowie Entenbrüstchen mit feinen Bohnen direkt hinein ins Schlemmerland.

Richtig edel war es aber beim großen “Genussabend Österreich”. Im schönen Restaurant wurde an einem Donnerstagabend zu Kreszenzen aus unserem weinfrohen Nachbarland ein köstliches Fünf-Gänge-Menü serviert. Zum “Gruß aus der Küche”, einem Spargel-Brotsalat, wurde ein 2007 Grüner Veltliner Am Berg eingeschenkt. Die Räucherforellen-Mousse begleitete ein Grüner Veltliner Fass 4 aus demselben Jahrgang. Dann leitete ein feines Sorbet mit Quittenbrand über zur geschmorten Kalbsbacke und einem 2006 Grünen Veltliner Rosenberg Reserve. Das Aprikossüppchen begleitete ein 2006 Rheinriesling und zur abschließenden Käsepraline gab es einen krönenden Williamsbirnenbrand.

Wenn die Wirte selbst zu Messer und Gabel greifen, dann mag man getrost zulangen: Für eine illustre Gesellschaft aus Kunst, Sport, Wirtschaft, Politik und Privatiers machten Münchens Gastro-Garanten Anneliese und Hermann Haberl mit ihrer Tochter Antje Schneider in ihrem Restaurant am Chinesischen Turm gerne die Vor- und Mitkoster. Wirtin Antje Schneider (in einem zauberhaft-frühlingshaften Kleid) stimmte das Publikum gutgelaunt auf den Abend ein. Da ihr Nachwuchs (vier Kinder) größer wird, und Sohn Luis bald auf die Schule geht, hat sie mehr Zeit für ihren Job. Der begnadete Küchenchef Alfred Rupp (man hat ihn noch vom Drehstaurant Olympiaturm in guter Erinnerung) zaubert nicht alle Tage so ein Edelmenü, das ganz spezielle Weine aus Österreich zur perfekten Entfaltung bringt. Selbst kritische Koster, wie Oberbürgermeister-Gattin Edith von Welser-Ude und ihre Freundinnen vom Kochclub ließen sich gleich vom “Gruß aus der Küche” und der raffinierten Vorspeise (Räucherforellenmousse mit Strudelblättern und Feldsalat) auf einen genussvollen Abend einstimmen.

Bereits beim leichten Sorbet zwischendurch blühte an den Tischen mit Schauspielerin Ilse Neubauer, Kabarettistin Maria Peschek und der Kunstsammlerin Inge Rodenstock eine lebhafte Unterhaltung. Zwei beleibte Herren hatten die Kommunkation auf expertise Weise beflügelt. Kultwinzer Bernhard Ott aus dem österreichischen Weinparadies Wagram mit seinem mineralischen Grünen Veltliner Am Berg und der Oberösterreicher Hans Reisetbauer mit einem duftigen Quittenbrand zum Sorbet. Nicht zu Unrecht führt Ott den Titel “Mister Grüner Veltliner”, – die Feinschmecker von Gault Millau habe ihn sogar als “fixe Größe am Weißweinhimmel” geortet. Reisetbauer ist nicht nur ein geschätzter Lieferant der Drei-Sterne-Gastronomie, sondern brilliert auch mit exotischen Gaumenschmeichlern als Grundlage für seinen Schnaps aus – echt! – Tomaten, Gelberüben und Ginseng. Sein Marillenbrand aus Früchten seiner eigenen Baumzucht ist ein überirdisches Vergnügen. Gebrannt wird der Edelschnaps nur aus eigenen Früchten. Wie die Ernte gerade ausfällt, mal mehr, mal weniger. Letztes Jahr – so erzählt er – war ein schlechtes Jahr für die Marillenernte.

Angesichts solcher Verlockungen zügelte sogar Hofbräu-Chef Michael Möller sein Verlangen nach dem gewohnten Hausbier vom Chinaturm. Ein Traditionsstoff, der nun wieder den Biergarten im Englischen Garten zu einem der beliebtesten Feuchtbiotope Münchens macht, wie die blonde Biergarten-Amazone Uschi Seeböck-Forster (Public Relations) an der Seite von Ehemann Dr. Dieter Forster unter allgemeiner Zustimmung feststellte. Bei geschmorten Kalbsbacken mit Bärlauch-Kartoffelpürée und blumigem Grünen Veltliner Fass 4 aus der Magnumflasche florierte die Unterhaltung um Themen wie Sport (am Tisch von Ex-Eiskunstläufer Manfred Schnelldorfer und Dorette Sas), Malerei Kunstsammlerin Inge Rodenstock) und Mode (Dirndl-Designerin Lola Paltinger). Ein heißes Thema hatte die Runde um die Buchautorin Fadumo Korn, deren Buch “Geboren im Großen Regen” eine kämpferische Debatte um die Beschneidung der Mädchen in ihrer Heimat Somalia vorantreibt.

Ernste Themen zu leichter Kost – warum nicht? Ein bisschen Tiefgang beim Tischgespräch hat noch keinem Edelessen geschadet. Und so hielt sich die gelöste Stimmung vom Gruß aus der Küche bis zum Aprikosensüppchen mit Topfeneis und Krokanthippe. Und als Meisterkoch Rupp schließlich zur Käsepraline einen “Williams” servieren ließ, gab’s einen Riesenapplaus für seine dargebotenen Kochkünste!

Text: Merk/Fotos: Stefan Peintinger, Grossmann