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Fünf heiße Tipps zum Kocherlball

Kocherlball

Wenn die Tanzmusi aufspielt beginnt der Reigen der aufgemaschelten Weiberleit und Mannerleit in aller Herrgottsfrüh. Fotos: Grossmann

Am Sonntag, 18. Juli, um 6 Uhr in der Früh steigt wieder Münchens angesagtestes Freiluft-Vergnügen

Landler, Zwiefacher, Polnischer und Boarischer stehen auf dem Programm, wenn am Sonntag, 18. Juli, morgens früh um 6 Uhr die Wiener Tanzgeiger zum traditionellen Kocherlball am Chinesischen Turm aufspielen. Für alle ausgeschlafenen Münchner ist dies ein Pflichttermin mit höchstem Lustfaktor. Hier fünf heiße Tipps:

Tipp 1: Aufstehen! Den Wecker stellen – oder durchfeiern

Ganz Schlaue gehen in der Nacht vorm Kocherlball erst gar nicht ins Bett. Sie feiern von Samstag auf Sonntag, den 18. Juli, durch. Aber natürlich ist es nicht jedermanns Sache, bis in aller Herrgottsfrüh im Dienstbotengwand beim Schafkopfen mit Untern und Obern zu stechen. Und nicht jede Schöne flirtet gern im Schummerlicht vom P1 mit hochgeschlossenem Spitzenkragerl und in Uromas hochgeknöpften Stiefeletten gegen eine Konkurrenz in kessen Spaghettiträgern an. Hilft also nur eins: den Wecker stellen! Und wenn der Radiowecker keine Wiederholfunktion hat, am Besten gleich zwei aktivieren.

Denn, wer zu spät kommt, den bestraft das Platzangebot. 12 000 Besucher werden im Schnitt bei Münchens originellstem Freiluft-Treiben gezählt. Und das in Münchens zweitgrößtem Biergarten am Chinesischen Turm mit stolzen 7500 Plätzen (nur der Hirschgarten hat 500 Plätze mehr). Die ersten Frühaufsteher kommen daher schon um halb fünf Uhr und sichern sich die besten Tische möglichst nah an der Musik. Besonders Clevere reservieren daher gruppenweise vor, dürfen dann aber in den extra ausgewiesenen Zonen keine Speisen und Getränke mitbringen (Telefon 089-38387316).

Oberbürgermeister mit Frau Edith Welser-Ude

Wenn ihm die Zeit nausgeht kommt auch der Münchner Oberbürgermeister gern mit seiner Frau Edith Welser-Ude.

Tipp 2: Anziehen! Zum Anbandeln in Omas Liebestötern

Liebestöter nannte man das, was die züchtige Hausangestellte damals unter der Zwiebelschicht diverser Unter-, Zwischenund Überröcke trug. Wadenlange Unterhosen waren das, mit Spitzen besetzt, obwohl sie doch keiner sehen durfte. So gerüstet zogen die Köchinnen, Spülerinnen und Dienstmädchen – die Kocherl eben – noch im vorigen Jahrhundert zum sonntäglichen Tanzvergnügen in den Englischen Garten. Und dort trafen sie auf die männliche Spezies (und Spezis) ihres Standes. Das waren die Hausdiener und Kutscher, die Pförtner, Gärtner und Hausmeister. Genau so wie damals putzt man sich heute wieder für den Kocherlball heraus. Eine grüne Schürze und ein Strohhut, schon ist man ein Gärtner. Die Blumenfrau dazu glänzt mit einem duftenden Dirndl -Dekolletee aus frisch geschnittenen Blüten. Der Trachtenjanker und die Lederhose, sonst nur zur Wiesn aktiviert, geben jetzt mit etwas schwarzer Farbe einen wuiden Wilderer her. Und man muss grad staunen was die Kleiderschränke zu diesem Anlass an Spitzenblusen, seidenen Gilets, karierten Knikkerbockern zerknautschten Stiefeln, kragenlosen Hemden und ausgeleierten Hosenträgern hergeben. Wo mögen die Mottenkisten stehen, die dieses Sammelsurium an löcherigen Parapluis, speckigen Jagdhüten und samtenen Kropfbanderln ausgespuckt haben. Mancher plündert offenbar das Jahr über die Flohmärkte der Stadt im Hinblick auf den großen Auftritt unterm Turm. Auch wenn die meisten sich eher folkloristisch herausputzen: Erlaubt ist, was gefällt. Eine grüne Perücke unterm schwarzen Zylinder – kein Problem. Eine Schiebermütze zu Stresemann- Hosen – na und? Und die Frauen fragen sowieso nur den Spiegel an der Wand: Wer ist die Schönste im ganzen Land? Hexen-Kostüme sind daher eher selten …

Franzi Kinateder,Michael Behrens,Anneliese Haberl

Jodlerkönigin Franzi Kinateder (l.) mit königlich bayerischem Schreinermeister Michael Behrens und Wirtin Anneliese Haberl.

Tipp 3: Einpacken! Picknick unter Kerzenleuchtern

Das ganze Jahr über ist der Chinaturm eine historische Hochburg der berühmten Münchner Biergartenfreiheit. Demnach ist es – auch beim Kocherlball – den Gästen traditionell gestattet, Speisen mitzubringen. Die Getränke aber muss jeder beim Wirt kaufen. Da ist es kein Wunder, wenn so ein Kocherl mit seinem Hausl genauestens plant, was es in den Brotzeitkorb packen will. Ein bisserl Käse wird dabei sein, ein Radi natürlich und vielleicht Tomaten, dazu etwas Schinken und Presssack und zum Schluss noch ein Krapfen oder sonst was Süßes. Selbst wer sich auf das Angebot vor Ort verlässt, wird nicht auf ein persönliches Ambiente verzichten wollen. Und so werden von Selbstversorgern wie von Käufern allenthalben Tischtücher über die grün gelackten Biergarten-Garnituren gebreitet, Salzund Pfefferstreuer blitzen auf und Kerzenleuchter bringen Licht in den grauenden Morgen.

Damen in Biedermeier-Kostümen

Fesch in wunderschönen Biedermeier-Kostümen sind die Damen der Münchner Gesellschaft in Überzahl da.

Tipp 4: Genießen! Shopping in der Schmankerlgasse

Nicht jeder mag sich schon am frühen Morgen mit einem Henkelkorb oder einem Rucksack voller Fressalien belasten. Wer seinen Chinaturm kennt, ist leicht versucht, sich auf das Angebot der Wirtin zu verlassen. Und selbst wenn der eingeschweißte Edamer von Aldi schon auf dem Tisch liegt, ziehen die Düfte von reschen Grillhendln und frischem Apfelstrudel mit Vanillesauce selbst den erklärten Selbstversorger magisch auf eine Shoppingtour durch die berühmte Schmankerlgasse. Da lachen Teller mit pikantem Obatzdem und vor Frische glänzendem Wurstsalat. Auf dem Grill reiht sich die ganze Palette des Münchner Wursthimmels, Spareribs werden aufgeschnitten, Knödel mit Soße begossen. Und eh man sich’s versieht passt kaum noch die große Breze aufs Tablett. Aber die muss sein …

Katharina Mayer

Tanzmeisterin Katharina Mayer zeigt wie’s geht.

Tipp 5: Mitmachen! Tanzen bis der Staub aufsteigt

Wenn die charmante Tanzmeisterin Katharina Mayer um 6 Uhr dann zum Mikrofon greift, ist es soweit. Ein Tusch! Musik! Und was für eine: Heuer spielen die Wiener Tanzgeiger auf – eine der gefragtesten Volksmusikgruppen Europas (Stammbesucher kennen sie von 2004). Das ist keine biedere Schunkelmusik, das jubelt, juchzt und tiriliert nur so und zieht mit Klarinettentrillern und Bassgebrumm alle unwiderstehlich in einen Strudel der Fröhlichkeit. Zwei Geigen geben die Melodie vor, unterlegt von Bratsche und Bass. Die Harmonika spinnt dazwischen ihr Garn, und immer wieder brechen Trompete und Posaune mit ihren Soli durch. Also, auf geht’s zur Krebspolka! Aber wie die Beine setzen? Dafür ist nun Katharina da, und die Sportlehrerin im Dirndl macht es allen leicht. Weil ein Landler schwieriger ist, als er klingt, hat sie vor allem Tänze aufs Programm gesetzt, die auch ein Neuling sofort mittanzen kann. Und so drehen sich bald ein paar tausend Leute zum Boarischen, zum Hölldeifi und (auch für Preußen zugelassen!) dem Hamburger Dreher. Alt und Jung, Reingschmeckte und solche, de oiwei scho do warn, finden dann spätestens bei der „Münchner Frasä“ zusammen – dem Formationstanz der klassischen Francaise. Nur nicht müde werden, um zehn Uhr ist’s eh vorbei für die Kocherl und Hauserl. Die Herrschaften daheim wollen nämlich ihr Sonntagsfrühstück, und dann müssen auch die Schuhe geputzt sein. So war’s jedenfalls damals beim Kocherlball. Wir aber dürfen auch nach dem offiziellen Ballende bleiben – bis in die Puppen …

Text: Leon Berger

Kocherlball 2010, Sonntag den 18. Juli 2010, 6 Uhr, (bei Regen am 25. Juli). Es spielen auf die Geignmusi Haindl und Quietschfidel unter der Tanzleitung von Katharina Mayer und Magnus Kaindl. Im Biergarten kann Essen selbst mitgebracht werden, Getränke sind beim Wirt zu kaufen. Telefonnummer wegen Wetterinfo: 089-38387327 oder auf Radiodurchsagen achten.