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Friaul – die Einheit in der Vielfalt

Rostige Ketten und eine imperiale Kulisse: Triest erinnert auf Schritt und Tritt an ebenso gloriose wie bewegte k.u.k-Zeiten. Die Österreichisch-Ungarische Monarchie bestand vom 8. Juni 1867 bis zum 31. Oktober 1918. Fotos: Leon Berger
Kaum ist der Tomatensaft serviert, muss das Glas auch schon wieder abgeräumt werden. Gerade mal eine Stunde nach dem Start in München senkt sich die Maschine im typischen Smaragdgrün von Air Dolomiti zum Landeanflug. Der schneeweiße Kranz der Alpen bleibt zurück, unten zeichnet sich ein Stern mit sechs Zacken ab – die Festungsstadt Palmanova. Dann schwenkt die Maschine in einem Bogen über die Adria ein auf den Flughafen von Triest: Willkommen im schönen Friaul Julisch Venetien!
Wo bitte? So fragten vor nicht so langer Zeit selbst die italienischen Landsleute. Die Provinz in der Nordostecke des Stiefels schien auch lange nach dem Krieg so abgehängt wie ihre Lage: Während sich Kalabrien als Fußspitze des Stiefels profilierte, die Marken als stramme Wade, mussten sich die Friauler nicht nur geografisch gesehen am – pardon! – Arsch Italiens fühlen. Vergessen in einem Schattenwinkel des Eisernen Vorhangs. Doch das ist längst Geschichte. Selbstbewusst präsentiert sich Friaul Julisch Venetien nun als ein Herzstück des neuen Europa.

Ein Kulturerbe der Welt: Die romanische Basilika von Aquileia ist berühmt für ihre Mosaikböden.
Kennt man eine andere Provinz mit diesem Reichtum? Eine Stunde nur – und schon ist man von den Bergen am Meer. Von den blauen Stränden der Adria sieht man an klaren Tagen die majestätischen Gipfel der Karnischen Alpen. Hat man zu Mittag noch hoch droben in der deutschen Sprachinsel Sauris diesen leicht geräucherten, mit Bergkräutern gewürzten Rohschinken genossen, sitzt man abends schon bei einem Teller Spaghetti alle vongole in der hübschen Altstadt am Hafen von Grado. Von den Almen mit ihren Cjarsons (das sind salzig-süße Ravioli) zum Wasser mit seiner Boreto graisano (einer Fischsuppe mit weißer Polenta) – ein einziger Genuss.
In der Hauptstadt Triest, in der östlichsten Ecke, darf man sich auf eingelegte Sarde in saor und – jawohl – „Strudel“ und „Guglhupf“ freuen, ein Erbe der österreichischen Besatzer. Daran knüpft auch das gräucherte „Kaiserfleisch“ in Görz an, das mit frisch geriebenem Meerrettich und Sauerkraut serviert wird. Im westlichen Pordenone würzt man die Schafs- und Rindswurst mit wildem Fenchel und beizt sie in Rotwein.

Tudor-Zinnen über der blauen Adria: Erzherzog Maximilian von Österreich ließ Schloss Miramare bauen.
Die Grenze ist gefallen. Friulische Winzer ernten wieder auf ihren einst versperrten Weinbergen in Slowenien. Nur eine im Boden eingelassene Markierung erinnert in Görz daran, dass der Bahnhof einst drüben in Jugoslawien lag. Dass hier in Jahrhunderten Kelten, Römer und Hunnen, Langobarden, Venezianer, Türken und schließlich Österreicher hindurchgezogen sind, daran wird der Gast auf Schritt und Tritt erinnert. Nicht ohne Stolz werden in Triest Wiener Traditionen gepflegt, Pordenone zitiert in seinen Bauten das römische und gotische Erbe und in Cividale werden die Langobarden beschworen.

Was bei uns der Leberkäs, ist in Triest der Beinschinken: Warm wird er vom Knochen geschnitten.
Text: Leon Berger




















