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Der lange Weg zum Heiligen Jakob

Ruinen und rostige Dächer: In Foncebadón beginnt der Aufstieg zum O Cebreiro. Fotos: Gerhard Merk

Ruinen und rostige Dächer: In Foncebadón beginnt der Aufstieg zum O Cebreiro. Fotos: Gerhard Merk

Im galizischen Santiago de Compostela wurde das Heilige Jahr 2010 eröffnet. Der größte Wallfahrtsort Spaniens erwartet heuer einen neuen Pilgerrekord.

Dreimal musste der Erzbischof mit dem Hammer gegen das romanische Portal der Heiligen Pforte schlagen. Dann erst öffneten sich am vergangenen Silvester die bronzenen Flügeltüren zur Kathedrale von Santiago de Compostela. Prunkvoller Auftakt zum „Heiligen Jakobsjahr 2010“!

Jetzt können sie kommen, die Wallfahrer – zwölf Millionen waren es beim letzten Mal, für heuer wird ein neuer Pilgerrekord erwartet.

Der Andrang ist begründet: Für ein Heiliges Jahr muss der Todestag des Heiligen Jokobus, der 25. Juli, auf einen Sonntag fallen. Das war zwar gerade vor sechs Jahren der Fall, wird aber den Tücken des Kalenders zufolge erst wieder in elf Jahren sein. Und wer möchte schon bis 2021 warten?

Alte Hüte werden abgelegt: Baseballcaps in einer Kneipe kurz vor Santiago de Compostela.

Alte Hüte werden abgelegt: Baseballcaps in einer Kneipe kurz vor Santiago de Compostela.

Das Millionenheer der Pilger reist auf jede erdenkliche Weise an. Mit dem Flugzeug, per Bus und Bahn, mit dem Schiff, einzeln, zu zweit und in Gruppen. Den wahren Wallfahrer aber adelt auch der körperliche Einsatz. Die „Compostela“ gibt es nur für Wanderer, die wenigstens die letzten 100 Kilometer zu Fuß gewandert sind, oder für Radler, die mindestens 200 Kilometer abgestrampelt haben.

Allerdings: Für den Plenarablass (siehe unten) ist die Urkunde ohne Bedeutung. Die Vergebung aller Sünden winkt jedem Besucher, der sich als Büßer sieht und beweist. Die Wallfahrt selbst kann praktisch vor der Haustüre beginnen. Ganz Europa durchzieht ein Netz von Pilgerwegen, gesäumt von Jakobskirchen. Tausende von Menschen sind ständig auf diesen Routen unterwegs, die am Fuße der Pyrenäen wie zu einem Nadelöhr zusammenlaufen. Hier beginnt die klassische Tour, der Camino Francés, der Franzosenweg, hier steigt das Gros der Hardcore-Pilger ein. 800 Kilometer liegen vor den Wanderern, eine mühsame Kette von 31 Etappen – wenn’s gut geht! Und es geht gleich einmal steil bergauf …

St. Jean Pied de Port liegt gerade noch in Frankreich. Hoch oben am Rolandspass und vollends abends im Kloster Roncevalles ist man schon in Spanien. In welcher Verfassung, das hat Hape Kerkeling in seinem Bestseller „Ich bin dann mal weg“ so beschrieben: „Meine unteren Gliedmaßen sprechen eine deutliche Sprache. Sie sind mittlerweile zu einem einzigen dumpfen Schmerz zusammengewachsen.“ Aber so wie er findet jeder schließlich zu seinem Schritt. Und mit der zwingenden Frage „Warum tu ich mir das an?“ wächst das Erkennen.

Warum tut man sich das an? Im Mittelalter war das keine Frage. Nur auf ihren Gott gerichtet, der Welt entsagend, machten sich Tausende auf den Weg zum Heiligen Jakob. Heute mischt sich in das Heer der introvertierten Gottsucher zunehmend eine sportive Gesellschaft auf der Suche nach ihren Grenzen. Da sind die smarten Vertreter der Goretex-Generation mit Funktionsunterwäsche und Teleskopstecken und dazwischen die Pulks der Biker mit flotten Helmen und fingerlosen Lederhandschuhen. Die langen Stunden des Wanderns bei Sonne, Wind und Regen zwingen jeden irgendwann zur inneren Einkehr.

Kathedrale von Santiago de Compostela

Die größte Kirche Spanies: Die Kathedrale von Santiago de Compostela von 1211 am Platz Obradoiro.

Der Camino hat seine Durststrecken, langweilig ist er nie. Die Schuhe holpern über steile Viehpfade, queren bucklige Römerbrücken. Unter den Sohlen knirschen im Herbst Nüsse und Esskastanien.

Mit dem Jahr wandelt sich die Landschaft vom Frühlingsgrün über den flachsfarbenen Sommer bis zum Braun der Herbstfelder. Selbst das Blau des Himmels ist nicht von Dauer. Schauer sind vorprogrammiert.

Auf der Kathedrale von Logrono nisten Störche. Weinstöcke begleiten den Pfad in die autonome Provinz Rioja. In Burgos ist ein Gläschen Roter ein Muss. Hinter den endlosen Getreidefeldern der Meseta (hier mogeln Weicheier mit dem Bus) taucht endlich Burgos auf. Im Casa del Cordon empfingen die Katholischen Könige Ferdinand und Isabella Christoph Columbus.

Ein letzter kultureller Höhepunkt vor dem Ziel ist Leon. Auf den Straßen und in den Bars der Altstadt pulsiert das Leben. In der gotischen Kathedrale zaubern große farbige Fenster ein mystisches Licht. Zwei Tage darauf taucht Astorga auf, die Schokoladenstadt. Jedes Café eine süße Versuchung.

Hinter dem windverblasenen Ruinendorf Foncebadon steigt der Weg zum Cruz des Ferro. Das Eisenkreuz steht auf einem Steinhügel, den jeder Pilger mit einem Mitbringsel aus seiner Heimat mehrt. Irgendwo muss der Lapislazuli von Hape Kerkeling liegen. Noch strammer ist der Aufstieg zum Pass O Cebreiro, nun schon in Galizien. Hinauf geht’s durch gelben Ginster, hinunter unter schattigen Kastanien. Getreidespeicher auf mäusesicheren Stelzen säumen nun den Weg.

Und dann steht man plötzlich auf dem Monte Gozo. Vom Berg der Freude schweift der Blick über Santiago de Compostela, überragt von den Türmen der Kathedrale. Geschafft!

Die Souvenirhops müssen warten, Restaurants mit Vitrinen voll frischen Seegetiers bleiben links liegen, schnurstracks geht es hinein in das gewaltige Gotteshaus. Geduldig schiebt sich die Schlange der Anbeter über die enge Treppe im Altar empor zur goldenen Büste des Apostels. Arme schlingen sich von hinten um seinen Hals – wer zählt mit, zum wie viel millionsten Mal?

Text: Gerhard Merk

Für den Ablass zählt einzig die Buße

Katholische Christen und Angehörige der mit Rom vereinten Kirchen haben laut Wikipedia ein Mal pro Heiligem Jahr die Möglichkeit, einen Plenarablass zeitlicher Sündenstrafen zu erwerben.

Dazu muss ein Pilger in bußfertiger Gesinnung bei einem Gottesdienst in der Kathedrale von Santiago das Vaterunser beten, das Glaubensbekenntnis ablegen und ein Gebet sprechen. Anschließend gilt es, die Sakramente der Buße und der Eucharistie zu empfangen. Die Beichte muss innerhalb von 15 Tagen vor oder nach dem Besuch der Kathedrale erfolgen. Dabei ist die Art der Anreise unwichtig. Die „Compostela“ erhalten allerdings nur nichtmotorisierte Pilger.

Weihrauchkessel

Attraktion im Heiligen Jahr: Täglich wird der Bottofumeiro, der riesige Weihrauchkessel, durch die Kirche geschwenkt.

Der Weihrauch kommt im Tiefflug

In der ersten Reihe zieht man unwillkürlich den Kopf ein, wenn der „Botofumeiro“ angerauscht kommt. In weitem Schwung saust er durch das breite Querschiff der Kathedrale von Santiago de Compostela – ein gewaltiger Weihrauchkessel von eineinhalb Metern Höhe und mehr als einem Zentner Gewicht. Acht professionelle „Tiraboleiros“ ziehen für dieses Spektakel das rauchende Ungetüm an einem 35 Meter langen Seil in die Höhe und bringen es geschickt in Schwung. Auf seiner Bahn zwischen der Puerta Azabacheira und der Puerta de las Platas erreicht das Gefäß eine Geschwindigkeit von 65 Stundenkilometern und berührt am tiefsten Punkt fast den Boden. Neben ihrer liturgischen Funktion diente die großzügige Schwenkerei früher auch einfach der Luftverbesserung: Bis 1786 aßen und schliefen die Pilger nach ihrer langen Reise direkt in der Kirche.

Reisen – allein und in der Gruppe

Bei der Vorbereitung einer individuellen Pilgerreise sind zwei Führer hilfreich: Der Wanderführer „Spanischer Jakobsweg“ von Cordula Rabe (Bergverlag Rother, München) beschreibt die Route von den Pyrenäen bis Santiago de Compostela in 41 Etappen.

Mit 31 Etappen kommt der Pilgerreiseführer „Jakobsweg“ von José Maria Anguita Jaén aus (Editorial Everest, Leon). Er beschreibt aber auch neben der Verlängerung des Weges nach Finisterre den Aragonesischen Weg und die Via de la Plata von Süden her sowie den Portugiesischen und den Englischen Weg.

Gruppenreisen veranstaltet das Bayerische Pilgerbüro www.pilgerreisen.de, Dachauer Straße 9 in München. Neben Flugreisen mit Ausflügen an den Atlantik gibt es ein spezielles Programm für Trauernde, zum Beispiel Menschen die einen Angehörigen verloren haben, sowie den kombinierten Besuch von Compostela (Spanien) und Fatima (Portugal).

Besonders beliebt sind die Pilger-Wanderreisen mit Bus und Fußmärschen von bis zu dreieinhalb Stunden.