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Bürgeraufstand in Schwabing

Tramlinie 23

MVG-Chef Herbert König (57) links neben der neuen Tramlinie 23 an der Münchner Freiheit. Foto: Grossmann

Die neue Straßenbahn-Linie 23 bringt mehr Frust als Lust – Die Initiative „Freiheit-direkt“ kämpft für den schnelleren Weg zur Münchner Freiheit

Cool sieht die neue Haltestelle an der Münchner Freiheit aus: leuchtendes Blau und helles Gelb an den Bahnsteigen, ein futuristisch geschwungenes Dach an der ehemaligen Bushaltestelle. Doch die Modernisierung hat für zahlreiche Bürger, die nördlich des Parzivalplatzes leben, einen Rückschritt gebracht. Früher kamen sie mit drei Buslinien schnell zur Münchner Freiheit, dem Einkaufs- und Ausgehzentrum. Durch die neue Verkehrsführung werden sie jetzt behindert.

Die Tram 23 soll die Leute in den Norden bringen. Doch nach zwei Stationen entlang der Leopoldstraße biegt sie am Parzivalplatz nach rechts ab. Wer weiter geradeaus fahren will, muss umsteigen, zum Beispiel nur für eine einzige Haltestelle bis zum Ring.

Die Renterin Maike Ücker, wohnhaft in der Leopoldstraße kurz vorm Mittleren Ring, ist nur eine von denen, die von der angeblichen Modernisierung total genervt sind. Sie hat eine Unterschriftenliste in der Petuel-Apotheke ausgelegt, die bereits Ende Februar 215 Wütende unterschrieben hatten. Nicht zuletzt Apothekerin Jutta Tetzlaff schimpft über die „völlige Fehlplanung“. Wie alle anderen ist sie der Meinung, dass wieder ein Bus eingesetzt werden muss.

Frau Ücker, die früher problemlos an der Münchner Freiheit einkaufen konnte, überlegt jetzt, ob sie mit dem Auto fahren soll. Denn sie kann die schweren Taschen nicht von Haltestelle zu Haltestelle schleppen und das Umsteigen ist beschwerlich. Auch Eltern in den Vierteln jenseits des Parzivalplatzes protestieren. Vorher konnten sie ihre Kinder, die an der Münchner Freiheit zur Schule gehen, in den Bus setzen und sie wussten, dass sie gut ankommen. Heute müssen sie mitfahren, damit beim Umsteigen nichts passiert.

Empört ist man auch in der Pfennigparade. Für die Behinderten ist es weit schwieriger geworden, an die zentralen Orte wie Münchner Freiheit und Chinesischer Turm zu kommen. Werner Schwarz, Vorsitzender des Bewohnerrats der Pfennigparade, hat die Wege getestet. Sein Ergebnis: Früher brauchte er zehn Minuten zur Münchner Freiheit, 15 Minuten zum Chinesischen Turm. Jetzt muss er für beides mindestens 40 Minuten investieren. Dass ihm beim Versuch, am Parzivalplatz umzusteigen, die Tram meistens genau vor der Nase wegfährt, ist nur ein Punkt des Schildbürgerstreichs.

Christian Miehling, Sprecher der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) kann den empörten Bürgern keine Hoffnung auf eine Rückkehr der Busverbindung machen. Es sei sinnlos, wenn Bus und Tram parallel fahren würden, teilt er mit, und überdies zu kostspielig. Daher müsse man die plötzlich abbiegende Tram einfach in Kauf nehmen und umsteigen. Laut Miehling sind die Fahrpläne gut aufeinander abgestimmt.

Die Bürger in dem plötzlich abgeschnittenen Eck aber wollen nicht aufgeben. Die verschiedenen Initiativen haben sich zu einem großen Verbund zusammen geschlossen. „Freiheit-direkt” nennt sie sich und freut sich über neue Mitstreiter. Kontakt über Werner Schwarz unter freiheit-direkt@web.de oder unter Tel. 30779410. „Wir werden garantiert nicht aufgeben”, sagt Schwarz und spricht damit allen Mitkämpfern aus dem Herzen.

Text: Claudia Hanssen

Die Anwohner sind stocksauer

Hausfrau Manuela Terzy: „Mir geht der Bus richtig ab, denn ich bin immer damit gefahren. Ich konnte mit der Linie 123 durchfahren bis zu meiner Sparkasse an der Giselastraße. Jetzt fahr ich bis zum Parzivalplatz, dann mit der Tram zur Münchner Freiheit, dann mit dem nächsten Bus zur Giselastraße. Für diese kurze Strecke zwei Mal umzusteigen, ist schon verrückt.“

Pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte Gisela Hundhammer: „Mein Arbeitstag ist durch die Umstellung mindestens 15 Minuten länger geworden. Ich komme von außerhalb, östlich von München. Früher konnte ich nach S-Bahn und U-Bahn wenigstens von der Münchner Freiheit mit dem Bus bis zu meinem Arbeitsplatz in der Apotheke fahren. Jetzt fahre ich bis zum Scheidplatz. Ich kann also am Marienplatz nur noch mit einer statt wie sonst mit zwei Linien fahren. Allein dadurch geht Zeit verloren. Dann kostet mich auch der Heimweg meist noch mehr Zeit, weil der Bus zum Scheidplatz fast immer unpünktlich ist. Schon öfter habe ich dadurch meine S-Bahn verpasst. Das heißt, 20 Minuten länger unterwegs sein.“

Anwohner Stefan Tewes: „Es ist ein Drama! Man kann ja von der Münchner Freiheit nur noch bis zum Parzivalplatz fahren, dann muss man umsteigen. Oder man fährt bis zum Münchner Tor und muss dann rüberlaufen. Mit meinen Krücken ist das natürlich besonders Foto: Grossmann unangenehm. Meine Frau schimpft auch, sie fährt nun mit dem Auto zur Arbeit, weil sie diesen Zirkus nicht mehr mitmacht. Bei meinem Krankengymnasten liegt eine Unterschriftenliste gegen die Neuerung. Es herrscht sehr viel Unmut in unserer Ecke rund um die Rümannstraße. Wir sind richtig abgeschnitten. Und das nur, weil unser Oberbürgermeister Christian Ude ein Trambahnfan geworden ist.“

Studentin Sophia Hermann: „Ich studiere und muss immer zur Uni an die Giselastraße. Früher konnte man mit dem Bus durchfahren, jetzt muss ich zwei Mal umsteigen, das kostet Zeit und Nerven. Also vorher war es eindeutig besser.“

Schülerin Myrto-Stella Karyda: „Es ist ein Problem für uns Schüler. Viele gehen an der Münchner Freiheit zur Schule. Jetzt ist nur Streß, wir verlieren viel Zeit und kommen oft zu spät.“

Anderer Meinung ist nur Anita Ladkani: „Ich vermisse den Bus zur Münchner Freiheit nicht. Erstens fahre ich ungerne Bus und zweitens fährt die Tram viel schneller zu mir. Ich wohne aber auch direkt am Münchner Tor, ich brauche nicht mal über die Straße, um nach Hause zu kommen.“